Mein "Russlandfeldzug"

 

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Gestern war ich mit Michal im STEM. STEM steht etwa fuer "Studentisches Theater unterhaltsamer Kurzstuecke" und ist eine bunte Mischung aus Sketchen, Tanz und Theater.

Unterhaltsam war es in der Tat, wenngleich ich natuerlich bei weitem nicht alles verstanden habe. Die Interpretation einer Marschrutka-Fahrt durch die Stadt war allerdings auch ohne Worte echt zum Bruellen komisch. Einen Schock hielt das Stueck natuerlich auch bereit. Am Ende wurde langsame Tanzmusik gespielt, und die am Stueck beteiligten Schauspieler begaben sich auf den Bereich vor der Buehne, um dort zu der Musik zu tanzen. Aufgrund eines Frauenueberschusses unter den Schauspielern musste allerdings aus dem Publikum aufgestockt werden.

Na, wer sass in der ersten Reihe? Wer sah sich ploetzlich mit einer hingestreckten Hand konfrontiert? Richtig!

Was soll man machen? Zwar bin ich ausgewiesener Tanz-Trampel (meine bisher groesste Erfahrung mit Tanzen war der Abiball und eine Nebenrolle als Tanzbaer in einem Schultheaterstueck), aber nein sagen ging ja schlecht. Tja, da stand ich nun, versuchend, meiner Partnerin nicht die Fuesse zu zertreten und gleichzeitig mich um Konversation bemuehend. Ich glaube, sie wird sich auch gedacht haben "ach Du meine Guete, warum habe ich mir ausgerechnet den rausgegabelt?", aber war ja nicht meine Schuld, ne? Nach etwa drei Minuten, die mir wie zwei Stunden vorkamen, war die Veranstaltung dann endgueltig zu Ende. Ich nehme mir (mal wieder) vor, einen Tanzkurs zu machen. Ich koennte mir vorstellen, dass das richtig Spass machen kann, wenn man weiss, wie es funktioniert...

Ansonsten war die vergangene Woche eine jener Wochen, bei denen man echt froh ist, wenn sie endlich vorbei sind. Was ja nun auch endlich der Fall ist.

In diesem Zusammenhang ist mir etwas interessantes aufgefallen: es sind ja noch dreieinhalb Monate, die ich hier sein werde. Das alleine waere nicht bemerkenswert, bemerkenswert ist allerdings, dass es schon etwa drei Wochen lang noch dreieinhalb Monate sind. Hier wird der grosse Selbstbeschiss deutlich: Anfangs denkt man sich, die Zeit koennte ruhig ein bisschen schneller rumgehen, und kaum sind es nicht mehr vier Monate (mit anderen Worten: drei Monate und 29 Tage), denkt man zu sich selbst "noch dreieinhalb Monate". Dann passiert man den Zeitraum, in dem es tatsaechlich noch dreieinhalb Monate sind. Aufgrund aeusserer Umstaende schafft man danach arbeitsmaessig gar nichts, und versucht, sich damit zu beruhigen, dass es ja "immer noch dreieinhalb Monate sind", in diesem Fall: drei Monate und neun Tage. Zeitdilatation mal anders...
3.12.05 09:21


Neue Fotos! Endlich doch noch, was niemand (mich eingeschlossen) mehr fuer moeglich gehalten haette, neue Fotos!

080 - Hier habe ich in einem Unbeobachteten Moment den Umkleidetrakt des universitaetseigenen Gefaengnisses, aeh, pardon, der universitaetseigenen Schwimmhalle abgelichtet. Das Foto zeigt nicht die ganze Herrlichkeit des Komplexes, vermittelt aber hoffentlich einen Eindruck.

081 - Das war am Abend des 25. Novembers und der Lukacheva-Strasse direkt an der Uni. Ich find's einfach ein nettes Bild, habe es mir auch in 20x30 ausdrucken lassen und neben meinem Bett an der Wand haengen.

082 - Vorher. Das war sozusagen das Endstadium meiner Langhaarigkeit. Waehrend jetzt einige Leute anmerken moegen, dass das ja bei weitem noch nicht lang zu nennen sei, so halte ich dem entgegen: lang genug! Und im uebrigen: zu lang fuer ein entspanntes Leben. Es musste also ab. Was hierzu fuehrt:

083 - Nachher. Kurz, korrekt, und irgendwie einfach praktisch. Ich habe es bisher noch nicht bereut, vielleicht aendert sich das ja, wenn die Kommentare aus der Heimat ankommen?!

084 - Ein Verkehrsschild an der Moskovskoe schosse. Was lernen wir daraus? Richtig, von Samara nach Moskau ist es 252 Kilometer weiter als nach Tscheljabinsk. Sollte Euch das jemals einen 50/50-Joker sparen, so beteiligt mich am Gewinn!

Bevor es weiter geht, eine Warnung, gleichsam guter Ratschlag:

Liebe Kinder.
Ihr werdet irgendwann in Eurem Leben moeglicherweise in die Situation kommen muessen, eine Bewerbung zu schreiben. Wenn ihr dann zufaellig gerade in Russland seid, und kein vernuenftiges Fotostudio auftreiben koennt, aber eine Digitalkamera habt, so braucht ihr nicht zu verzweifeln. Lasst einfach Euren Mitbewohner ein Foto von Euch machen, und gebt es einem Freund, der sich mit Photoshop auskennt. Nun der Ratschlag: nachdem ihr es dem Freund, der sich mit Photoshop auskennt, gegeben habt, bleibt hinter ihm stehen, am besten haltet ihm eine Kalaschnikov ins Genick, und wartet so lange, bis er die Bearbeitung abgeschlossen hat. Wenn er fertig ist, lasst Euch die bearbeiteten Daten kopieren und ZWINGT IHN, ALLE DATEIEN ZU LOESCHEN! Wenn ihr das nicht tut, dann passiert vielleicht am Ende so etwas...

085 - Rihard Zorge, Deutscher Waffenschieber, per internationalem Haftbefehl gesucht.

086 - "3 Richards". Der in der Mitte hat erschreckende Aehnlichkeit mit Heino, wie ich finde.

Das vernuenftige Bewerbungsfoto war mir der Spass aber wert!

087 - Von meinem gestrigen Ausflug an die Wolga: ein Schiff, welches am Ufer lag. Ob Hausboot, oder nur Anlegestelle fuer weitere Boote, ich weiss es nicht genau.

088 - Ein Motiv, an dem ich nicht vorbeigehen konnte. Leider war es schon etwas daemmrig, weswegen alles ein bisschen arg grau in grau wirkt, aber trotzdem schoen.

089 - Das verschneite Wolgaufer. Kurz, nachdem ich dieses Bild aufgenommen hatte, kam ich dann auch nicht mehr weiter und musste den ganzen Weg zurueckgehen, den ich gekommen war.
5.12.05 09:15


6. Dezember. Heute ist Nikolaus! Ich habe ja schon vor einigen Tagen ein Nikolaus-Paeckchen aus Deutschland bekommen, das ich heute endlich oeffnen durfte. Der doofe Zoll hat mir natuerlich ein bisschen den Spass genommen, weil eine Zollerklaerung draufklebte, so dass das Ueberraschungsmoment eher gering ausfiel - dennoch freue ich mich riesig ueber ein Paar handgemachte Socken (fuer die kalten Wintertage, die sicher noch kommen werden) und super-leckere Schokolade (fuer die Augenblicke, in denen man einfach mal ein Stueckchen Schoki braucht)!

Dieses ist nicht die einzige gute Nachricht des heutigen Tages: nach vielem Hin und Her funktioniert endlich mein CAD-Programm, so dass ich mich jetzt von meinen stundenlangen Rechenexzessen mal mit ein wenig mehr oder weniger kreativer Zeichenarbeit ablenken kann. Auch was schoenes!

Es ist nach wie vor kalt draussen, wenngleich noch nicht richtig kalt. Die Hunde sind jedoch jetzt schon sehr putzig anzuschauen. Sie treten vermehrt in Knaeulen auf, eng aneinandergekuschelt, um sich warm zu halten. Sie liegen bevorzugt auf Gullydeckeln, die scheinbar waermer sind als der Rest der Strasse. Und sie warten in Rudeln vor Supermaerkten auf... ja, was auch immer. Wilde Hunde und Supermaerkte passen ja nicht so wirklich zusammen, wenn man drueber nachdenkt. Mal schauen, was weiter fallende Temperaturen fuer Effekte haben werden.
6.12.05 13:34


"Gehen sie auf WinCon 3!"
"Jawohl, Sir, gehe auf WinCon 3... Winterschuhe sind bereit."

Ich habe meine Sommerschuhe in den wohlverdienten Winterschlaf geschickt. Noch nicht endgueltig, dazu muss ich sie noch putzen, aber ich denke, ich werde sie nicht mehr tragen bis zum naechsten Fruehling. Nachts kuehlt es inzwischen auf bis zu -10 Grad ab, tagsueber klettern die Temperaturen noch leicht ueber null. Mit anderen Worten: es wird frostig.

Doch Schnee ist Fehlanzeige. Natuerlich liegt noch ein bisschen, aber viel weniger als letztes Jahr um diese Zeit, und dementsprechend sind alle am maulen. Ich persoenlich glaube ja, dass das alles noch kommt und nur eine Frage der Zeit ist.

Der naechste Schritt (WinCon 2) sind dann lange Unterhosen. In einem letzten Akt des Widerstandes bin ich dann theoretisch noch in der Lage, meinen mitgebrachten Mantel durch ein Stueck echter Winterbekleidung auszutauschen, sollte dieses notwendig werden. Dann ist das Ende der Fahnenstange allerdings erreicht, und Frieren angesagt. Doch so weit wird es hoffentlich nur temporaer kommen: Lena sagte mir, dass es nur wenige Tage im Jahr gibt, an denen die Temperaturen deutlich unter -25 Grad liegen. Wie troestlich...
8.12.05 14:46


Endlich! Schnee! Heute Nacht hat es angefangen, und inzwischen liegen bestimmt schon drei, vier Zentimeter. Ein Ende ist derweil nicht in Sicht, und das ist gut so, schliesslich wird es langsam wirklich Zeit fuer ein bisschen Winterstimmung und dann natuerlich weisse Weihnachten und so. In den vergangenen Tagen war das Wetter hier ziemlich aetzend, weil es zwar sehr kalt war, sich sonst aber nicht wirklich winterlich gab. Vorgestern find es dann an, zu regnen. Jetzt koennte man sich fragen, wie in drei Teufels Namen es regnen kann, wenn es doch recht deutliche Minusgrade hat. Chemikalien im Wasser, sozusagen eingebautes Forstschutzmittel? Nicht wirklich, denn kaum, dass das Wasser den Boden beruehrte, gefror es sofort. Also, was war der Grund? Ich weiss es nicht, aber es verfehlte nicht seine Wirkung: es war in kuerzester Zeit spiegelglatt auf den Strassen. Mein Einkaufstrip vorgestern Abend war dann auch entsprechend halsbrecherisch, insbesondere, da ich spaet dran war und von den Wachen angehalten wurde, hinzumachen (weil sonst das Wohnheim schliessen wuerde). Ich also all meine Balance zusammengenommen und irgendwie zum Paterson geschliddert, eingekauft und zurueck, in 17 Minuten. Rekord! Gestern hatte ich dann weniger Glueck (es muss die ganze Nacht durch eisgeregnet haben), und habe mich dann letztlich doch noch auf den Allerwertesten gesetzt, sehr zur Erheiterung Michals, mit dem ich gerade auf dem Weg zum Schwimmbad war. 26 Jahre ohne Rollen oder Kufen unter den Fuessen fordern eben doch ihren Preis... Inzwischen sind die Strassenverhaeltnisse aber besser, weil meine High Tech-Ultra-Winterschuhe sich ziemlich gut in den Schnee reingraben.

Gestern habe ich zum ersten Mal, seit ich hier bin, bewusst Fernsehen geschaut (die regelmaessigen Euronews am Morgen zaehle ich nicht mit). Natuerlich: WM-Auslosung. Michals Zimmerantenne bekommt alle zwoelf Programme, die in Samara ausgestrahlt werden. "Bekommen" ist hier euphemistisch verwendet, denn in der Grundposition erkennt man nur daran, dass man ein anderes Programm empfaengt, weil das Rauschen ploetzlich anders klingt und sich der Schnee auf dem Bildschirm nicht mehr von links nach rechts bewegt sondern in einer anderen Richtung. So habe ich die ersten zehn Minuten der Uebertragung damit verbracht, einen geeigneten Platz mit akzeptablem Empfang zu finden. Es gab sogar einen richtig guten, nur war der in der linken hinteren oberen Zimmerecke, und daher etwas schwierig zu erreichen, und zwei Stunden diese koerperliche Zwangshaltung einzunehmen waere dem Genuss der Veranstaltung wohl nicht gerade zutraeglich gewesen. Ich habe mich dann also mit einem Liegeplatz auf dem Schreibtisch begnuegt (fuer die Antenne, nicht fuer mich), bei dem das Bild zwar nicht so prickelnd (schwarzweiss mit leichtem Schneefall), der Ton aber immerhin einwandfrei war. Die eigentliche Ziehung der Gruppen habe ich dann allerdings verpasst, weil ich von einem spannenden Schachspiel gegen Michal abgelenkt war. Ich habe nur mitbekommen, dass Deutschland mit Costa Rica und noch zwei relativ uebersichtlichen Gegnern in einer Gruppe ist, und daher tatsaechlich Chancen haben koennte, die Vorrunde zu ueberleben. Wie schoen!

In zwei Wochen ist Heilig Abend, und auch hier werden langsam immer mehr Weihnachtsbaeume aufgestellt. Dennoch ist es angenehm ruhig, keine Beschallung mit furchtbarer Weihnachtsmusik, keine als Weihnachtsmaenner verkleideten Studenten, die Kindern Suessigkeiten andrehen, nur sehr spaerliche Weihnachtsdekoration, kurzum: nichts, was einen vorzeitig in eine Weihnachtsdepression verfallen lassen koennte. Gegenwaertig ueberlege ich ernsthaft, ob ich am Nichtweihnachten-Wettbewerb von nichtlustig.de teilnehmen soll. Ich werde mal mit Slava sprechen, ob er mir hilft, eine Idee habe ich schon.
10.12.05 11:37


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