Mein "Russlandfeldzug"

 

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Es mag ja gut m?glich sein, dass Leben in Russland alles andere als teuer ist. In der Tat berichten gut informierte Quellen, dass man, wenn man beispielsweise ins Theater geht, grunds?tzlich die besten Pl?tze nehmen k?nne, weil diese nicht teurer seien, als bei uns jene hinter einem Betonpfeiler mit dem R?cken zur B?hne.

Um jedoch in den Genu? dieser g?nstigen Angebote zu kommen, muss man erst einmal nach Russland kommen, und da gehen ja die Probleme schon los. Alles kostet Geld. Ich habe gerade eines Auslands-Krankenversicherung abgeschlossen f?r sechs Monate. 147 Euro. Der HIV-Test. 19 Euro. Das Visum. Wei? ich noch nicht genau, aber bestimmt nochmal 100 oder so. Die Vorfreude auf ein fremdes Land? Unbezahlbar, ja, ich wei? es doch.

Immerhin ist meine letzte Miete endlich bezahlt, also hat die Zeit des Wohnens zu Spitzenpreisen endlich ein Ende gefunden, zumindest vor?bergehend. Stuttgart ist ja das, was man umgangssprachlich als "teures Pflaster" beschreiben w?rde, und da lobe ich mir doch die Aussicht auf ein Studentenwohnheim in Samara. Alles andere als teures Pflaster.
1.8.05 14:56


Ich hielt den Impf-Marathon f?r das ?tzendste im Vorfeld des gesamten Auslandsaufenthaltes. Wie kann man sich doch t?uschen! Ab- und Ummeldungen sind um ein Vielfaches schlimmer. Sie m?ssen eben erledigt werden, K?ndigungsfristen m?ssen eingehalten werden, und jede Firma hat da andere Vorstellungen, wie man konkret bei ihr k?ndigt. Das einfachste war bisher, eine email zu schreiben und dann noch einen Best?tigungsanruf hinterherzuschicken. Gerade die unangenehmeren Firmen legen einem jedoch viele Steine in den Weg, so dass ich mich jetzt schon frage, bei welcher K?ndigung ich wohl erst das Matterhorn erklimmen muss, um eine kleine Schatulle auszugraben, in der sich ein Zettel befindet, der den Code f?r ein Schlie?fach in New York enth?lt, in dem ich einen Notizzettel finde, auf dem dreifach codiert eine Telefonnummer f?r eine ausschlie?lich chinesischsprachige 0190-Hotline steht, bei der ich dann die argentinische Nationalhymne rezitieren muss, um zu k?ndigen. W?hrend ich nach jeder Strophe belle wie ein Hund. Eine dreij?hrige Yorkshire-Terrier-H?ndin, genau genommen. Naja. Das wird mich lehren, jemals wieder leichtfertig irgendwelchen merkw?rdigen Clubs beizutreten, die kein Mensch braucht.

Ich habe heute meine Einladung f?r Russland erhalten, leider waren die Daten falsch, und so muss alles von vorne angeleiert werden, was soviel bedeutet wie: es wird knapp. Was will man machen...

Der wissenschaftliche Austausch-Mitarbeiter aus Russland ist vorgestern am Institut angekommen, und wir haben uns sehr nett unterhalten. Immer, wenn ich etwas auf Russisch gesagt habe, hat er gelacht. Was das bedeuten mag, da denke ich lieber gar nicht dr?ber nach.

Ansonsten nicht viel neues, ich wohne noch 27 Tage in meiner Wohnung, bis ich sozusagen vogelfrei bin. Naja, oder sowas ?hnliches zumindest. Unter Br?cken schlafen und so.

Ich hoffe, dass das Wetter besser wird, momentan hat's nicht wirklich viel von dem Auftank-Sommer, den ich mir erhofft hatte. Die 43 Grad vorvorletzte Woche waren allerdings auch nicht hilfreich, was wohl den Schluss zul?sst, dass ich endg?ltig zu den Leuten geh?re, die einfach immer ?bers Wetter meckern.
4.8.05 18:04


Die tats?chliche Beantragung des Visums - meine erste Ber?hrung mit russischer B?rokratie.

Nachdem sich herausgestellt hat, dass ich den HIV-Test gar nicht h?tte machen m?ssen, weil mein Visum zun?chst ohnehin nur f?r drei Monate ausgestellt und dann vor Ort verl?ngert wird (h?tte man mir ja auch mal sagen k?nnen, obwohl nat?rlich die HIV-Test-Erfahrung alleine schon die 19 Euro wert war), war ich letzten Freitag mit meinen gesamten Unterlagen auf den Weg zum russischen Generalkonsulat in Hamburg. Ich hatte mich extra schon mit meinem Wohnsitz zu meinem Vater nach Norderstedt umgemeldet, weil ich sonst h?tte nach Bonn fahren m?ssen, denn einschicken darf man seine Unterlagen nicht mehr.

Ein unscheinbares Geb?ude mit ?berwachungskameras und abgesperrter T?r, davor zahlreiche Menschen die scheinbar nichts anderes tun, als in der Gegend herumzustehen. Nach kurzem Klingeln wurde mir aufgetan. Man betritt das Geb?ude und steht in einem kleinen Raum, von dem aus verschiedene T?ren abgehen, einige Couches und St?hle stehen herum, Hinweisschilder h?ngen an der Wand. Russische Hinweisschilder. Ich sehe ein ?lteres deutsches Ehepaar und frage die beiden, ob sie w?ssten, wie das hier ablaufen w?rde. Sie meint, ich m?sse meine Sachen am Visa-Schalter abgeben. Ich gehe also zum Visa-Schalter und sehe - mich selbst. Verspiegeltes Panzerglas. Nur schemenhaft sind Menschen hinter der Scheibe zu erkennen. Der Stuhl auf der anderen Seite ist leer. Ich warte.

Schlie?lich erscheint jemand und ich sage, dass ich ein Visum beantragen m?chte und schiebe meine gesammelten Unterlagen zu ihm durch. Er sagt "Wussten sie, dass sie das Visum kostenlos erhalten k?nnen?" Nein, wusste ich nicht. Was brauche ich denn daf?r? "Eine Bitte der russischen Gasthochschule, das Visum kostenlos auszustellen." Im Rahmen der Reiseerleichterungen k?nnen Studenten- und Sch?leraust?usche kostenlose Visa erhalten. Noch so etwas, dass einem ja mal h?tte jemand sagen k?nnen... Naja, ich bin nicht nach Hamburg gefahren, um wieder unverrichteter Dinge abzuziehen, also sage ich, dass ich die Geb?hren bezahlen werde. 40 Euro kostet das. Er schiebt mir einen Zahlschein zu und sagt, ich solle damit zu einer Bank gehen, das Geld ?berweisen und dann wiederkommen. Ich suche mir also eine Bank, bezahle 7 Euro 50 (!) Geb?hren f?r die ?berweisung und gebe meinen ganzen Kram ab. Ich kann den Pass ab dem 26.08. abholen. Gott sei Dank kann das auch mein Papa f?r mich machen, sonst m?sste ich nochmal den Trip da hoch machen.

Ich verlasse russischen Boden und frage mich, wie er wohl gelaufen w?re, wenn das hier in Russland stattgefunden h?tte ich mein Gegen?ber nicht einwandfreies Deutsch gesprochen h?tte. Lieber nicht dr?ber nachdenken.
15.8.05 15:42


Meine Wohnung stirbt. Heute ist die Couch rausgekommen. Das bedeutet, dass es jetzt ziemlich unwohnlich aussieht. Ausserdem hat sich die Raumakustik komplett ver?ndert und gleicht jetzt mehr der einer Lagerhalle. Unaufhaltsam r?ckt das Unvermeidliche heran. Noch 16 Tage bis zum Auszug.
15.8.05 23:27


Okay, heute war der erste Tag des echten Ausziehens. Gestern habe ich im Wesentlichen nur meine Wohnung von einem Zustand relativen Durcheinanders in einen solchen absolut un?bersichtlichen Chaos ?berf?hrt. Heute ging's dann frisch ans Werk.

Ich habe Sachen geschreddert. Mein Gott, die Stasi konnte nach dem Zusammenbruch der DDR nicht mehr Zeug zum Schreddern gehabt haben, als ich nach f?nf Jahren Studium. Das eigentlich Be?ngstigende ist, dass ich von dem, was ich da geschreddert habe, keine Ahnung mehr hatte, obwohl meine Zeugnisse gegenteiliges behaupten. F?nf Jahre Studium, und letztlich ist nichts h?ngen geblieben. Vielleicht ja doch, unterbewusst? Hoffen wir's mal.

Dann habe ich meinen Kleiderschrank durchw?hlt und ausgemistet. 40% f?r die Altkleidersammlung, 30% direkt f?r die Tonne - das w?rde ich niemandem zumuten, es anziehen zu m?ssen. Und die restlichen 30% behalte ich zun?chst mal. Richtig tolle Sachen wiedergefunden, vor allem Hosen, die mir *wieder* passen. Auch Hosen, von denen ich nicht nur ?berzeugt bist, dass sie mir *nie* wieder passen werden, sondern bei denen ich mich frage, ob sie mir *jemals* gepasst haben, oder *wem* sie eigentlich geh?ren...

Morgen muss ich dann 50 Kilo Papierm?ll zum Wertstoffhof fahren, und meinen Monitor an einen Kommilitonen verschenken. Soweit so gut. Es geht voran, und das "Leben auf der M?llhalde" wird in sp?testens zehn Tagen vorbei sein.
21.8.05 23:48


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