Mein "Russlandfeldzug"

 

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Dass spannende und neue Erfahrungen auf einen zukommen w?rden, wusste ich ja. Dass diese noch in Deutschland stattfinden w?rden? Live und in Farbe:

Ruben und der HIV-Test.

Ich und HIV-Tests. Das passt zun?chst nicht zusammen, denn impliziert HIV nicht so was wie sexuelle Aktivit?t? Naja, es ist eine Notwendigkeit f?r mein Visum, und als B?rokratie-erprobter Mensch (schon mal an einer deutschen Universit?t studiert? Schonmal versucht, ein Urlaubssemester zu beantragen?) nehme ich solche Dinge dann eben einfach hin.

All mein Wissen ?ber HIV-Tests bezog ich bis gestern aus dem Film Lammbock. Mister Pink. Sexuelle Gewohnheiten. Sehenswerter Film ?brigens, f?r alle, die ihn nicht kennen. Noch ?ber einen Decknamen nachgr?belnd, erreichte ich eine halbe Stunde vor dem vereinbarten Termin das Gesundheitsamt ? nur, um mich sogleich als Test-Neuling zu outen. ?Entschuldigung, ich bin Nummer 18 und habe einen Termin f?r einen HIV-Test, ?h??.

Wissende Blicke, eine kurze Geste, und ich stehe im Wartezimmer. HIV-Test-Wartezimmer von Gesundheits?mtern sind voll von sexuell aktiven Menschen. Machen wir uns nichts vor, wenn hier jemand nicht gerade nach Drogenabh?ngigem aussieht, dann hat er oder sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit? ihr wisst schon. Unter diesem Gesichtspunkt, wenn einem das so schonungslos bewusst wird, sieht man die Wartenden in einem anderen Licht. Ein ?lteres Ehepaar, beide bestimmt schon ?ber 50. Den Test hat er gemacht, wie sich in einem kurzen Wortwechsel mit dem Arzt herausstellt. Die Geschichte dahinter ? ein R?tsel.
Zwei junge M?nner, die ein bisschen zu gut aussehen, um wirklich heterosexuell sein zu k?nnen. Drei junge Frauen, zwei offensichtlich als moralische Unterst?tzung f?r den Test einberufen, die sich kichernd ?ber Kurznachrichten ihrer Freunde lustig machen. Eine Frau, die sehr nerv?s scheint. Zumindest hat sie es geschafft, ihr rechtes Bein zweieinhalb Mal um ihr linkes zu wickeln. Irgendwie sind alle angespannt.

Achso, mich gibt?s nat?rlich auch noch. Ich bin nicht angespannt, warum auch?

Die Wartezeit zieht sich. Die ausliegende Lekt?re l?sst arg zu w?nschen ?brig. Die ?Wie benutze ich ein Kondom?-Brosch?re f?r unter-12-J?hrige ist trotz des Comic-Stils langweilig. Homosexuelle Kinder habe ich keine, also kann ich mit dem Ratgeber herzlich wenig anfangen. Dann gibt es noch AIDS-Merkbl?tter in allen erdenklichen Sprachen, ein ?Schwule sind auch Menschen?-Plakat an der Wand und einen ?Was sie noch nie ?ber Hepatitis B wissen wollten?-Ratgeber.

Immerhin komme ich mit einer der Wartenden ins Gespr?ch, ?ber die langen Wartezeiten. Es ist komisch ? hier kennt niemand niemanden, aber irgendwie ist ein gewisses Verbundenheitsgef?hl da, als w?re man zusammengeschwei?t durch die gemeinsamen Bedenken. Mitten drin ich, wie gesagt ohne Bedenken, aber das wei? ja niemand. Man geh?rt einfach dazu.

Auch der ?Berater?, zu dem ich nach ?ber einer Stunde Wartezeit vorgelassen werde, ist zun?chst nat?rlich vollkommen ahnungslos. Nachdem er sich davon ?berzeugt hat, dass ich einen Anlass habe, einen Test zu machen, verwirre ich den guten Mann restlos, als ich die Frage nach ?Risikokontakten? verneine. Das hat er jetzt davon, mich weder nach einem Decknamen noch meinen sexuellen Gewohnheiten zu fragen! Ob er mir die Geschichte mit der Negativ-Bescheinigung (?Gesundheitszeugnis? im Gesundheitsamt-HIV-Berater-Jargon) f?r das Visum glaubt? Normalerweise brauchen so was ja wohl nur Prostituierte und Porno-Darsteller.

Er glaubt es mir, aber um die Belehrung komme ich trotzdem nicht herum. K?rpersekrete, Schleimh?ute, Ansteckungsgefahr. Achso, und Kondome sch?tzen ?brigens! Ich bekomme ein Kondom. Es ist bunt, fast wie ein Bonbon.

Als er dann endlich fertig ist, geht alles ganz schnell. Kopie von meinem Personalausweis, ich bekomme ein kleines Heftchen, das aussieht, wie diese Dinger, die man beim Fris?r bekommt. Zehnmal Haare schneiden, elftes Mal gratis. Hier ist es nur eine schn?de Nummer, unter der ich mein Ergebnis abholen kann. Noch nicht einmal Happy Digits winken f?r eine erfolgreiche Teilnahme.

Dann saugt mir ein sehr freundlicher Arzt Blut aus dem Arm, ich bekomme ein Pflaster aufgeklebt und darf gehen. Drau?en scheint die Sonne. Ich verlasse das Gesundheitsamt mit der Gewissheit, dass ich hier in einer Woche wieder sein werde, um mein Testergebnis abzuholen. Ich werde keine Knoten in meine Beine machen m?ssen. Und doch ist es irgendwie schon eine Art Auszeichnung, ein Orden in meiner rechten Armbeuge. ?Seht her, ich hatte Risikokontakte?, m?chte man den Leuten entgegen rufen.

Aber das stimmt ja nicht. Ich brauche ja nur ein Gesundheitszeugnis. F?r mein Visum.
15.7.05 11:43


oтрицательный - negativ
22.7.05 00:04


Okay, Ruben, beruhig Dich, atme!! Einatmen... Ausatmen...

Der Grund f?r die Aufregung? Ich habe keinen Fernseher mehr! Panik? Nein, nackte Freude! Endlich keine grenzdebilen Moderatoren, die mir weismachen wollen, ich m?sste gerade jetzt anrufen, weil der Countdown blinkt/nicht blinkt/da ist/tickt/singt/rot ist/ich sonst ein schlechter Mensch bin. Keine Frustration mehr an Samstagabenden weil partour ?berhaupt nichts l?uft. Keine Werbung mehr, die versucht, einen f?r dumm zu verkaufen.

?berhaupt - ich glaube, die einzige Werbung, die mich wirklich jemals beeinflusst hat, etwas zu kaufen, ist die von Bonduelle. F?r alle unter 20, die die wahrscheinlich nicht mehr kennen: da marschiert Gem?se in Marschbekleidung zum Radetzki-Marsch in eine Dose. Dazu gibt's ein Jingle, das in etwa (wenn mich meine Erinnerung nicht tr?gt) so geht: "Ja der Mais, ja der Mais, ja der Mais kommt an, ja der Mais, ja der Mais schmeckt jedermann! Ganz famos, sensationell, lecker, lecker, Bonduelle!"

Bei allen Tendenzen zu "Milchjieper" oder "Fruchtalarm", die sich schon damals angedeutet haben m?gen: Auf einen F?nfj?hrigen macht das halt Eindruck. Echt. Marschierender Mais. Toll.

Naja, auf jeden Fall habe ich meinen Fernseher heute dauerverliehen an meine Lieblingscousine Christina (sch?nen Gru?!), und jetzt bin ich ohne. Viel schwerer als der Verlust des gehassliebten TV-Ger?ts wiegt jedoch die Tatsache, dass dieses offiziell die Erosion meiner Wohnung eingel?utet hat. Ich ziehe aus, und allm?hlich merkt man es. Noch 39 Tage.

Achso, und gleich als erstes k?ndige ich morgen bei der GEZ. Allein daf?r hat es sich gelohnt.
23.7.05 19:11





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